Manuell fokussieren – back to the future

Als ich richtig mit Spiegelreflexkameras startete, da war ich so etwas Mitte 20, da kam gerade so der Autofokus bei den ersten Kameras. Es war dann auch abhängig von Kamera und Objektiv, ob Autofokus oder nicht. Für das manuelle Scharfstellen gab es den sogenannten „Schnittbildindikator“. Ein Feld in der Mitte, dass das Bild in einem kleinen Bereich teilte. Wenn die Kanten exakt übereinander stimmten, hatte man scharf gestellt.

Nachgebildet in Photoshop. So wäre das Bild unschscharf da die vertikalen Linien im Schnittbildindikator nicht übereinander liegen.
Und so wäre das Bild scharf – die vertikalen Linien liegen übereinander

Ich habe oben in den beiden Bildern einmal den Schnittbildindikator in Photoshop imitiert – damit Ihr versteht, was ich meine.

Mit den DSLR Kameras war dann Autofokus Standard. Über manuelles fokussieren hat sich kaum noch jemand Gedanken gemacht. Vielleicht noch der Profi-Fotograf, der in einer besonderen Licht- oder Aufnahmesituation mit dem Autofokus nicht das Ergebnis erreichen konnte, dass er sich wünschte.

Kreuzsensoren – Liniensensoren

Für den Phasen-Autofokus hatten dann die DSLR Kameras eine Anzahl an Sensoren. Dabei kann man unterscheiden zwischen Kreuz- und Liniensensoren. Die Canon 5D Mark III, die ich auch noch im Einsatz habe, verfügt z.B. über 61 Autofokus Felder wovon 41 als Kreuzsensoren ausgelegt sind.

Was bedeutet das? Im Prinzip sind diese Kreuz- oder Längssensoren ähnlich dem Schnittbildindikator. Sie erkennen, ob Linien übereinander liegen und stellen den Fokus ggf. so lange nach, bis scheinbare Linien durchgehend sind (das ist jetzt hier sehr vereinfacht dargestellt, trifft aber im wesentlichen den Punkt).

Diese Sensoren waren / sind hauptsächlich auf der Mitte des Sensorfeld verteilt. D.h. irgendwie am Rand mit Hilfe des Autofokus zu fokussieren war/ist nur mit fokusieren und Schwenken der Kamera möglich.

Auch bei wenig Licht und insbesondere in Kombination mit lichtschwachen Objektiven versagt der Phasen-Autofokus da die Fokusfelder nicht mehr genügend Licht bekommen und die Kanten zu erkennen.

Bei lichtschwachen Objektiven bekommen die äußeren Sensoren nicht mehr genügend Licht, um zuverlässig fokussieren zu können.

Bei der Astro-Fotografie muss ebenfalls manuell fokussiert werden.

Der Kontrast-Autofokus, der über alles Sensorfelder arbeitet, ist auch keine Bereicherung. Er arbeitet noch wesentlich schlechter als der Phasen-Autofokus, da dieser über try and error die richtige Richtung sucht und damit das typische Pumpen des Autofokus verursacht.

Wer sich für das Thema „Autofokus“ noch näher interessiert, dem empfehle ich zum einen die Youtube-Folge 30 aus der Objektivreihe von Krolop & Gerst oder den Beitrag der Fotoschule der Fotocommunity zum Phasen-Autofokus.

D.h. sich mit dem manuellen Fokussieren zu beschäftigen, ist immer hilfreich.

MF Objektive

Und dann gibt es natürlich auch noch eine Reihe von Objektiven, die nicht über einen Autofokus verfügen. Insbesondere ältere Linsen. Aber auch noch aktuelle, spezielle Objektive wie Tilt-Shift-Objektive müssen manuell fokussiert werden. Auch wenn bei diesen Objektiven dann eine Entfernungsskala aufgedruckt ist, dient diese doch mehr als Anhaltspunkt, als für das genaue Fokussieren.

Manuell fokussieren – die Hilfsmittel

Muss man nun, warum auch immer, manuell fokussieren stellt sich die Frage, welche Hilfsmittel gibt es. Fotografiert man vom Stativ, hilft oft die Fokuslupe genannt. Bei DSLR Kameras funktioniert dies nur im Liveview. Manche spiegellose Kameras (wie z.B. die Sony A9 oder Sony A7) schalten automatisch die Fokuslupe ein, wenn manuell fokussiert wird und man am Entfernungsring dreht.

Bei der Canon 5D Mark III gibt es dazu auf der linken Seite die „Lupe Taste“. Bei der Bildwiedergabe kann man so ein Bild vergrößern, um z.b. den Fokus zu prüfen. Im Liveview kann mit dieser Taste das Bild bis zu 10x vergrößert werden (in zwei Schritten). Dazu sollte man vorher das rechteckige Fokusfeld auf den Bildbereich verschieben, in dem man fokussieren möchte. Klar, es kann auch während des Liveviews mit dem Joystick verschoben werden, aber das ist etwas mühsam.

Das mit der Lupenfunktion funktioniert bei Nikon DSLR Kameras genauso wie bei Canon (wobei Nikon mehr als zwei Schritte hat).

Da das mit der Lupe bei DSLR Kameras nur im Liveview funktioniert, stellt sich die Frage nach weiteren Hilfsmitteln. Bei Nikon gibt es beim manuellen Fokussieren im Sucherbild links unten ein entsprechendes Symbol, das beim manuellen Fokussieren unterstützt. Und zwar ist dies entweder ein Pfeil nach links, ein Pfeil nach rechts oder ein Punkt. Erscheint der Pfeil nach rechts, muss der Fokusring nach links gedreht werden. Umgekehrt: erscheint der Pfeil nach rechts, muss der Fokusring nach rechts gedreht werden. Wenn es fokussiert ist, erscheint der Punkt. Diese Methode ist aber wieder an die Fokusfelder gebunden, da deren Information dabei ausgelesen wird.

Ähnlich ist es bei der Canon 5D Mark III. Hier leuchtet ein AF Feld auf, wenn auf diesem scharf gestellt wurde. Dazu ertönt noch ein akustisches Signal. Das funktioniert aber nur, wenn das Objektiv einen entsprechenden Chip zur Bestätigung des Fokus eingebaut hat – ist also wieder keine Option für Altglas.

Manuell fokussieren mit spiegellosen Kameras

Spiegellose Kameras machen es dem Anwender einfacher, manuell zu fokussieren. Dank Fokus-Peaking ist das sehr einfach. Dabei wird an Kontrastkanten eine farbige Linie angezeigt, wenn diese fokussiert sind. In der Bedienungsanleitung eurer spiegellosen Kamera findet ihr das vielleicht auch unter dem Begriff Kantenabhebung.

Bei Sony Kameras kann das Fokus-Peaking sogar noch eingestellt werden. So sind die Farben Rot, Blau oder Weiß möglich. Außerdem kann die Stärke eingestellt werden – d.h. wie hoch muss der Kontrast sein, damit die Kanten farbig umrandet werden, wenn diese richtig fokussiert wurden. Die gleiche Funktion gibt es bei vielen anderen spiegellosen Kameras wie Panasonic oder der Nikon Z6 oder Z7

Fokus-Peaking (hier in Photoshop nachgebildet) umrahmt die Kontrastkanten farbig, wenn diese fokussiert sind

Fazit

Manuelles fokussieren entschleunigt und kann auch richtig Spaß machen. Bei alten Linsen kommt man um das Thema nicht herum. Auch in schlechten Lichtsituationen führt kein Weg am manuellen Fokus vorbei. Es macht also Sinn, sich einmal intensiv mit dem manuellen Fokus an der eigenen Kamera zu beschäftigen.

Schreibe einen Kommentar

Bitte die kleine Rechenaufgabe lösen... *