Komposition – Bilder gestalten

Die Tage musste ich mal ein Bild kommentieren, das ein flüchtiger Bekannter in einer Facebook-Gruppe eingestellt hatte. Sein Kommentar zum Bild war in etwa „Erster Versuch mit dem Graufilter – es kann nur besser werden“. Irgendwie war er mit dem Bild unzufrieden und meinte wohl, dass es am Graufilter liegen würde.

Nun, ich betrachtete das Bild. Keine Farbverschiebung durch den Graufilter. Belichtungszeit war mit 29 Sekunden angegeben. Leicht ziehende Wolken, glattes Wasser. Mir fiel nicht ein, was ein anderer Graufilter an diesem Bild hätte besser oder anders machen können.

Mir sagte das Bild auch nichts – trotz Graufilter. Denn es waren nur zwei Dinge darauf zu sehen: Himmel und Wasser. O.k. und etwas sich im Wasser spiegelnde Wolken.

Als meine Freundin vor etwa drei Jahren voller Freude ihre ersten Bilder zeigte, die sie mit ihrer DSLR-Kamera gemacht hatte, sagte ich: „Schön, nett. Und was ist das Motiv?“.

Sie war ziemlich enttäuscht über meinen niederschmetternden Kommentar. Aber es hat dann bei ihr auch „Klick“ gemacht. Ein gutes Bild braucht ein Motiv!

Genauso verhielt es sich bei der Eingangs erwähnten Aufnahme – es fehlte das Motiv. Ich spreche hier vor allem von Landschaftsaufnahmen. Bei Portraits ist es klar, was das Motiv ist. Aber gerade bei Landschaftsaufnahmen trennt sich recht schnell die Spreu vom Weizen. Auch wenn gerade Landschaft als so einfach erscheint – es ist nicht ganz so einfach. Die gute Botschaft: Beim Beachten von ein paar Regeln, ist es überhaupt nicht schwer, gute Landschaftsaufnahmen zu machen.

Wenn ihr mit euren Augen die Landschaft betrachtet, dann seht ihr doch etwas im Vordergrund, etwas in der Mitte (zwischen Vordergrund und unendlich) und dem Horizont (Hintergrund). Es gibt also mehrere Ebenen in dem, was wir sehen. Das Ganze empfinden wir auch als Tiefe. Fotografieren wir einfach nur eine Wasserfläche, haben wir nur eine Ebene. Das Auge findet auch kein „Vorne“ und kein „Hinten“. Das kann in ganz speziellen Ausnahmen gut wirken, in der Regel wird ein Landschaftsbild so aber nicht funktionieren.

Ein Landschaftsbild funktioniert in der Regel schon recht gut, wenn ihr euch irgendein Objekt für den Vordergrund sucht. Das kann sein: Eine Wurzel, ein großer Stein (oder mehrere – vielleicht sogar mit Moos bewachsen), ein Schild, ein Steg, ein Weg, ein Baum, einfach irgendwas. Also „scannt“ mit eurem Auge die Umgebung ab, bevor ihr auf den Auslöser drückt.

Rheinspitz
Rheinspitz

Goldener Schnitt

Viele kennen sicher die bekannte Zeichnung von Leonardo da Vinci – ein Mensch mit verschiedenen Linien, einem Kreis drum rum usw. Z.B. auf der 1-Euro Münze. Was Leonardo da Vinci damals zeichnerisch umgesetzt hat: Bei 99% der Menschen stehen die Körperteile in einem Verhältnis zueinander.  Arme, Beine, Schrittlänge dies alles steht in einem weitgehend einheitlichen Verhältnis zueinander. Und dieses Verhältnis empfindet das menschliche Auge als harmonisch.

Bei der bekannten Zeichnung des vitruvianischen Menschen von Leonardo da Vinci steht die Seitenlänge des Quadrates ziemlich genau im Verhältnis des goldenen Schnittes zum Radius des Kreises. Mathematisch betrachtet: Eine Strecke wird so geteilt, dass die gesamte Strecke sich zum größeren Abschnitt so verhält wie diese zum kleineren. Oder (a+b)/a = a/b.

Leonardo da Vinci - der virtruvianische Mensch
Leonardo da Vinci – der virtruvianische Mensch

Auf eine einfache Regel herunter gebrochen kann man aber auch mit der 5/8 Regel bzw. dem Verhältnis 2:3 ganz gut leben.

Was bedeutet das nun für die Fotografie oder konkret für gute Landschaftsaufnahmen? Nun, z.B. dass der Horizont eben nicht durch die Bildmitte laufen sollte. Sondern entweder dem Vordergrund oder dem Hintergrund mehr Platz gegeben werden sollte. Entscheiden sollte man dies einfach abhängig davon, welches Element interessanter ist. Ein weitgehend einfarbiger, monotoner blauer Himmel z.B. kann dann reduziert werden. Stattdessen sollte man dem Vordergrund mehr Raum im Bild geben.

Regel 1: Horizont in der Mitte geht selten gut. Harmonie bedeutet nicht zwingend, dass alles den gleichen Platz bekommt.

Weitwinkel

Gerade in den letzten Jahren stürzten sich viele auf Weitwinkel oder Ultraweitwinkel-Objektive. Oft geht das so: „Mit welcher Brennweite hast du das Bild gemacht?“ – Antwort: „10mm am APS-C“. Antwort: „Boah, muss ich mir kaufen“.

Tja, nur das Equipment macht nicht das Bild… Gerade Weitwinkel und Ultraweitwinkel fordern besonders das Augenmerk, für eine gute Bildkomposition. Dem Element im Vordergrund kommt hier noch eine viel grössere Bedeutung zu. Und was bedeutet das für die Praxis? Ran! Ihr könnt überhaupt nicht nah genug dran sein an diesem Element. Zum Beispiel eine Wurzel: Dann muss man wirklich nah (ganz nah!) ran gehen an dieses Objekt. So nah, dass es wirklich zu einem wirklich wesentlichen Bestandteil der Aufnahme wird.

Regel 2: Man kann selten nah genug dran sein. Oft macht die Perspektive ein gutes Bild aus.

Goldener Schnitt die Zweite

Neben der horizontale Aufteilung in 2/3 und 1/3 kann (sollte) man natürlich die vertikale Aufteilung berücksichtigen. Nehmen wir wieder unsere Wurzel, die im Vordergrund liegt. Liegt sie genau in der Mitte, wirkt das Bild eben wieder sehr statisch. Also auch hier: Dieses Objekt 2/3 seitlich aus der Mitte raus platzieren. Möchte man noch näher am Ideal des goldenen Schnittes sein, dann wählt mann eine Aufteilung von 5/8 zu 3/8.

In vielen Kameras kann man ein Gitternetz im Sucher einblenden. Schaut einmal in euer Handbuch, ob das auch bei eurer Kamera geht. Das ist ein gutes Hilfsmittel. Falls nicht, eine grobe Orientierung sollte auch ohne Gitternetz möglich sein.

In Adobe Lightroom kann man sich z.B. auch die Fibonacci Spirale (Goldene Spirale) einblenden. Auch sie kann als Hilfsmittel verwendet werden, den endgültigen Bildausschnitt festzulegen, um so zu einem harmonischen Bild zu kommen.

Goldene Spirale
Goldene Spirale

Tipp 3 und 4:

Regel 3: Eine gute Komposition macht aus einem belanglosem Bild kein gutes Bild und

Regel 4: Wenn man Regeln kennt und beherrscht, kann man sie auch gezielt brechen. „Regeln sind zum brechen da“ die Aussage kommt oft von Beginnern, die zu bequem sind, sich mit Harmonieregeln auseinanderzusetzen.

Zurück zum Eingangs erwähnten Bild. Zwei oder drei Tage später sah ich ein Bild eines Bekannten mehr oder weniger vom gleichen Ort in die gleiche Richtung fotografiert und mehr oder weniger zur gleichen Uhrzeit aufgenommen. Sicher, die Abendsonne gab etwas mehr her, als zwei, drei Tage zuvor. Aber das war es nicht. Dieses Bild war komponiert. Und darum habe ich ihn auch gefragt, ob ich es hier zeigen darf. Weil es einfach ein Paradebeispiel ist, wie man aus mehr oder weniger den gleichen Bedingungen ein gutes Bild oder ein schlechtes machen kann.

Reichenau - Foto: Manfred Wedele
Reichenau – Foto: Manfred Wedele

Und nun mit Erläuterungen, um besser zu verstehen, was diese Aufnahme gut macht:

Reichenau - Manfred Wedele
Foto: Manfred Wedele

 

Dies soll nur einmal als Einstieg gedacht sein, sich etwas mit dem Thema „Komposition“ auseinander zu setzen. Ich werde vielleicht noch weitere Beiträge dazu schreiben. In meinen Workshops ist dies natürlich auch immer ein Punkt.

Versucht es jedenfalls einmal mit diesen kleinen Hinweisen und ihr werdet sehen, wie eure Bilder an Spannung gewinnen. Viel Erfolg!

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