Kann man Kreativität lernen?

Es gibt Phasen, da juckt es mich einfach in den Fingern 🙂 Und da ich das 10-Finger-System an der Tastatur ganz gut behersche, sind meine Gedanken dann auch schnell „zu Papier“ bzw. in elektronische Form gebracht…

Fotografie ist etwas Kreatives – keine Frage. Klar, man kann auch „knipsen“. Also einfach auf den Auslöser drücken, wenn einem eine Situation oder Stimmung gerade gefällt. Aber ich denke mal, das sind jetzt nicht meine Leser 😉

Also ich mutmasse jetzt mal, dass der Leser (die Leserin) des Blog-Artikels fotografieren möchte. Auch in meinem letzten Blog-Beitrag war ich etwas provokativ – betrachtet es nicht als Angriff. Ich möchte euch damit vielmehr in den Allerwertesten treten 🙂

Deshalb heute „ein Angriff“ auf die Kreativität. Wie fängt es an….? Nun, man findet ein Bild ober-affen-geil, beneidet vielleicht den Fotograf um sein Bild und möchte unbedingt auch so ein Bild machen. Nachmachen ist legitim – aber auf die Dauer doch etwas langweilig. Nachmachen ist gut, um etwas zu lernen. Im letzten Blogbeitrag habe ich das schon etwas angedeutet: euer Ziel sollte sein, die Zusammenhänge zu verstehen. Warum wirkt das Bild so toll bzw. kommt es an?

Wirtatobel
Wirtatobel

Ich gebe zu: Auch ich habe schon einige Bilder „nach gemacht“. D.h. irgendeinen Spot gesehen, diesen gesucht und versucht ziemlich das gleiche Bild zu machen. Heute mache ich es kaum noch. Aus verschiedenen Gründen. Ein Grund ist der, dass ich heute täglich über so viele Bilder in verschiedenen Foren, Gruppen, Plattformen schaue, dass mir konkret kaum noch eines in Erinnerung bleibt. Es sind dann nur noch „Nebel-Bilder“, die ich im Kopf habe.

Ein zweiter Grund ist der, dass ich gelernt habe, dass viele Bilder sich nicht wiederholen lassen. Bevor ich letztes Jahr auf die Lofoten ging, habe ich einige Beiträge in Foren verschlungen. Irgendwo, ich meine auf Flickr, habe ich ein Bild mit einer Spiegelung am Strand gesehen. Es war so ein Felsufer, etwas Wasser stand in einer Gumpe. Im Hintergrund das Meer mit seinen Wellen und die sich spiegelnden Wolken und Berge im Hintergrund. Ich habe den Fotografen angeschrieben und gefragt, wo das genau ist. Am liebsten hätte ich die Koordinaten auf den Meter genau gehabt. Dann war ich dort – auf den Lofoten. Zum einen habe ich den Platz an dem kilometerlangen Strand nicht gefunden und zum anderen waren die Bedingungen vollkommen anders, als auf seinem Bild. Die ganze Energie, die ich im Vorfeld in die Idee gesteckt hatte, dieses Bild zu machen, war umsonst. Aber es war auch gut so. Denn in dem Moment (der ziemlich schnell kam), in dem mir klar war, dass ich das Bild nicht machen werde, konzentrierte ich mich auf die Landschaft und machte meine Bilder.

Reine Sunrise
Reine Sunrise

Das beste Beispiel ist das Bild von Reine. Der Sonnenaufgang vom Damm ist der Klassiker und wurde sicher schon 100.000 Mal so gemacht. An dem Tag waren die Bedingungen auch perfekt für ein solches Bild. Doch ich ging nicht zum Damm, wo 20 andere Fotografen mit ihrem Stativ standen. Ich stiefelte einsam durch den tiefen Schnee bergauf zu einem Mobilfunkt-Mast und machte mein Bild – ein Bild, das es sicher ganz selten von Reine gibt.

Kreativität in der Landschaftsfotografie

Kreativität in der Landschaftsfotografie ist ja noch relativ einfach. Wenn ihr ein paar Grundregeln beachtet, kann fast nichts schief gehen. Sicher, grob kann man sich ein paar Spots raus suchen. Wo ist es zu welcher Tageszeit günstig? Wie komme ich da hin? Aber das sollte es dann gewesen sein. Angekommen am Platz lasse ich einfach kurz meine Gedanken und meine Augen schweifen. Was sehe ich? Welche Stimmung möchte ich in dem Bild dem Betrachter später transportieren? Dann schaue ich mich noch einmal um und überlege, was Bestandteil meines Bildes sein könnte und was kein Bestandteil sein soll (auch das ist wichtig). Dann baue ich die Kamera auf (ja, hier fotografie ich zu 90% mit Stativ) und forme da Ergebnis.

Ein Bild schon vorher im Kopf zu haben, macht förmlich blind. Ich habe es selbst erlebt. Ich war mit anderen an einem Wasserfall. Ich hatte schon bevor wir dort waren mein Bild praktisch schon im Kopf (die Vorlage). Dann sah ich, wie mein Bekannter eine ganz andere Perspektive wählte. Mit einem tollen Baumstumpf im Vordergrund. Ich hatte den Baumstumpf nicht gesehen. Warum? Weil ich schon mit meinem Bild im Kopf an den Spot gegangen war. Sicher, ich hätte, nachdem er eine andere Perspektive gewählt hatte, das Bild auch machen können. Aber ich machte es nicht – ganz bewusst machte ich es nicht. Sondern lernte etwas…. Nicht voreingenommen an einen Platz gehen. Sondern möglichst unbefangen und erst mal schauen.

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Kann man Kreativität lernen? Man beneidet sie ja, die Menschen, die scheinbar nur so vor Ideen sprühen. Die sofort wissen, was sie machen wollen. Die das Ergebnis eigentlich nur noch umsetzen möchten. Ja, die gibt es. Es ist schwer, erwachsen zu werden und sich die Kreativität zu behalten. Als Kind hat und entwickelt man so viel Phantasie. Cowboys und Indianer, die durch das Wohnzimmer reiten. Der Platz unter der Decke, der auf einmal zu einem U-Boot wird aus dem man in die Tiefen der Unterwasserwelt schaut.

Als Erwachsener denkt man an „tanken muss ich wieder. Was kostet der Sprit hier? Wie lange hat der Supermarkt auf? Welche Rechnung muss ich noch überweisen?“. Bei dem ganzen Alltag ist es nicht leicht (wenn es einem eben nicht in die Wiege gelegt ist) Kreativität zu entwickeln.

Aber man kann sich selbst dazu auch drängen. Z.B. wenn man mit einer Idee anfängt. Einem Zitat oder ein Gedicht. Bei meiner Serie zur Belle Époque war die Ursprungsidee einfach, dass ich zu dieser Zeit etwas machen möchte. Auf meiner Recherche stolperte ich über das Gedicht „Das trunkene Schiff“. Ein paar Ideen hatte ich schon zuvor. Doch einige entwickelte ich auch mit Hilfe des Gedichts. Ich wollte die Strophe irgendwie in einem Bild umsetzen.

Wir werden für nächstes Jahr auch einen Workshop zur konzeptuellen Fotografie anbieten.

Das trunkene Schiff
Das trunkene Schiff

Ganz gut zu der Frage, ob sich Kreativität lernen lässt, finde ich den Artikel in der Welt.

Verpasste Chancen

Wenn jemand nur hinterher fotografiert, ist das wie „Malen nach Zahlen“. Klar kann man damit ansehliche Bilder produzieren, die man auch an die Wand hängen kann. Doch letztendlich blockiert man damit eine eigene Entwicklung. Geht der nächste Urlaub nach Dänemark und nicht nach Island (von wo man die tollen Bilder gesehen hat), steht man ratlos am Strand. Das Ergebnis wird mit ganz großer Wahrscheinlichkeit ein „Knips-Bild“ sein. Warum? Weil man die letzten Jahre mit „Malen nach Zahlen“ verbracht hat, anstatt mit „Kreativität lernen“.

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