Je länger desto besser?

Wer jetzt an etwas anderes denkt, den muss ich enttäuschen – hier geht es nur um Fotografie 🙂

Vor kurzem bin ich wieder mal über ein Bild in einer Facebook-Gruppe gestolpert, welches mich spontan bewegte in die Tasten zu hauen. Es geht um die Langzeit-Belichtung von fliessendem Wasser. Also Wasserfall oder so was in der Art…  es gibt ja auch kleine 🙂

Wasser ist mein absolutes Lieblingsthema. Nicht ohne Grund biete ich gerade zu diesem Thema verschiedene Workshops an. Und dann tut manches Bild, das ich entdecke, meinen Augen weh.

Wer das erste Mal fliessendes Wasser „knipst“, wird wohl in der Programm-Automatik fotografieren. Das Wasser wird dabei wohl mit hoher Wahrscheinlichkeit „eingefroren“. D.h. jeder Tropfen und Spritzer, der von einem Stein prallt, ist im Bild sichtbar. Auch solche Bilder sind einmal schön. Insbesondere bei sehr großen Wasserfällen oder falls man sich ein Detail aus dem Wasserfall heraussucht.

Wirtatobel
Wirtatobel – auch hier wurde etwas länger belichtet, damit der Wald im Hintergrund durch den Wasservorhang scheint

Bekannt und beliebt ist bei diesen Motiven aber auch das Belichten mit längeren Belichtungszeiten. Dies kann man auf unterschiedliche Wege erreichen.

Welche Möglichkeiten sich bieten, ist auch von den Lichtverhältnissen abhängig. Bekommt das Motiv generell wenig Licht (im Wald), ist es ein bedeckter Tag oder in der Dämmerung, genügt es oft schon die ISO (Empfindlichkeit) herunter zu drehen und die Blende etwas zu schließen, um längere Belichtungszeiten zu erreichen. Doch in der Regel wird man den Graufilter verwenden. Und das ist auch gut so.

Gerade Beginner meinen auf diesen wichtigen Filter verzichten zu können und einfach mit stark geschlossener Blende die Belichtungszeit verlängern zu können. Grundsätzlich stimmt das. Denn: Je geschlossener die Blende, umso weniger Licht kommt auf dem Sensor. Hätte man eine Belichtungszeit von 0,3 sec. bei Blende 4, hat man mit Blende 22 eine 5fach längere Belichtungszeit – also 10 sec.

Sicher erhält man bei 10 Sekunden Belichtungszeit sehr weich gezeichnetes Wasser. Doch die Bildqualität wird insgesamt sehr unter der stark geschlossenen Blende leiden. Die Ursache dafür ist die sogenannte Beugungsunschärfe. In der Landschaftsfotografie strebt man oft eine eher geschlossene Blende an, da dies mit einer höheren Schärfentiefe (also dem Entfernungsbereich der scharf abgebildet ist) verbunden ist.

Das Licht wird bei jeder Blendenöffnung gebeugt. Nur bei kleinen Blendenöffnungen wirkt sich diese störend aus. Kurz zusammengefasst kann man dies so beschreiben: Beim Durchgang der Lichtwellen durch das Objektiv werden diese gebeugt. Bei Lochblenden entstehen sogenannte Beugungsscheibchen (Airy-Scheibchen). Diese kann man sich als kleine Lichtringe vorstellen. Je kleiner die Blende umso größer werden diese Scheibchen. Ab einer bestimmten Blende werden diese Scheibchen so groß, dass nicht mehr jedes Pixel belichtet werden kann. Die Blende, bevor eine wesentliche Verschlechterung eintritt, nennt man auch förderliche Blende. D.h. dass diese förderliche Blende für das gleiche Objektiv an einer Kamera mit APS-C Sensor früher erreicht sein kann, als mit einer Kamera mit Vollformatsensor. Z.B. liegt (rein rechnerisch) bei der Canon 600D mit APS-C Sensor die förderliche Blende bei f7 und bei der Canon 5D Mark III (bedingt durch den größeren Sensor und dadurch größere Pixel) bei f10.3.

Dazu habe ich mal einen Test-Aufbau und Belichtungen mit entsprechenden Parametern gemacht. Die Beugungsunschärfe ist bei Blende 22 deutlich in der Mitte erkennbar.

Canon 5D Mark III, F8, 100mm Macro
Canon 5D Mark III, F8, 100mm Macro
Canon 5D Mark III, f22, 100mm Macro
Canon 5D Mark III, f22, 100mm Macro
Canon 600d, f22, 100 Macro
Canon 600d, f22, 100 Macro
Canon 600D, f8, 100mm Macro
Canon 600D, f8, 100mm Macro

Der Pixel-Wahn, der gerade betrieben wird, ist also nicht gut für die förderliche Blende. Denn: Mehr Pixel bei gleichbleibender Sensorgröße bedeutet dass das einzelne Pixel kleiner wird und damit die Beugungsunschärfe früher eintritt.

Zusammengefasst: Um eine lange Belichtungszeit zu erreichen, ist es also für die Bildqualität nicht förderlich, einfach die Blende gnadenlos zuzudrehen.

Was passiert mit dem Wasser bei langer Belichtungszeit

Abgesehen von diesem technischen Aspekt noch ein gestalterischer Aspekt.

Wer mit Graufilter fotografiert, kennt die Möglichkeiten, die sich mit ganz langen Belichtungszeiten bieten. Z.B. kann man Menschen auf einem belebten Platz „verschwinden“ lassen. Voraussetzung ist, dass diese nicht an einer Stelle stehenbleiben. In Bezug auf bewegtes Wasser (Wasserfälle) bedeutet dies, dass mit zunehmender Belichtungszeit Strukturen im Wasser verloren gehen. Belichtet man extrem lange, sind alle Strukturen verloren und es fließt eine weiße Milchbrühe hinunter. Ob das noch schön ist?

Schwarwald Wasserfall
Schwarwald Wasserfall – etwas kürzere Langzeitbelichtung. Dadurch bleiben Strukturen im fliessenden Wasser erhalten

Fotografiert man am Meer mit einem starken Wellengang und Felsen am Ufer erhält man bei ganz langen Belichtungszeiten einen feinen Nebel über der Wasseroberfläche. Sämtliche Strukturen des sich bewegenden Wassers sind verloren gegangen. Das kann bei solchen Aufnahmen manchmal recht mystisch wirken.

Gerade sich bewegendes Wasser an Wasserfällen lebt aber auch von diesen Strukturen. Natürlich ist es letztendlich Geschmacksache. Doch ich möchte dies mal als Anregung geben, eher mal nur ein oder zwei Sekunden zu belichten und dafür die Strukturen zu erhalten. Länger ist eben nicht immer besser.

Schwarzwald Wasserfall
Schwarzwald Wasserfall – hier wurde bewusst länger belichtet, um die Bewegung des Schaumes abzubilden

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte die kleine Rechenaufgabe lösen... * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.